Der Sage von der Entstehung des Lavanttals auf der Spur

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In den Mythen und Sagen, heißt es, ist das Wissen unserer Vorfahren verborgen. Das trifft wohl auch auf die von Generation zu Generation weitergegebene Erzählung von jenem See zu, der einst das gesamte Lavanttal bedeckt haben soll.

Kaum eine andere Sage aus dem Lavanttal und der Paracelsusregion wurde so oft und in immer wieder abgewandelter Form in Büchern, Zeitschriften und Tourismusprospekten wiedergegeben. Grund genug, sich möglichst nahe an die Wurzeln jener alten Erzählung heranzuwagen. Der Weg entlang der Überlieferungsgeschichte führt zurück in die ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und damit in eine Zeit, in der die Märchen, Sagen und Mythen der Alten vielerorts zu neuer und besonderer Bedeutung gelangten. Im Fahrwasser der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, die ab den 1810er Jahren ihre weltberühmten “Kinder- und Hausmärchen” veröffentlichten, die sie sorgsam und unter reger Beteiligung der Bevölkerung recherchierten, blühte die Märchen- und Sagenforschung regelrecht auf. Vielerorts machten sich von den Grimms begeisterte Frauen und Männer daran, den oft viele Jahrhunderte alten Überlieferungen nachzuspüren und sie – meistens zum ersten Mal überhaupt – aufzuschreiben.

Einer dieser Pioniere war Otto Freiherr von Hingenan, österreichischer Bergrat und Professor an der Wiener Universität. Er nützte in den 1830er Jahren einen seiner Aufenthalte im Lavanttal und im Koralpengebiet, um bei der Lavanttaler Bevölkerung lokale Sagen aufzuspüren. Die von ihm aufgeschriebene Sage vom “Lösegeld des Gnomen” wurde in mehreren Zeitungen veröffentlicht und erschien im Mai 1840 auch in der Kärntner wissenschaftlichen Zeitschrift “Carinthia”. Aber schon Otto Freiherr von Hingenan wies darauf hin, dass diese Sage, die ihm von einem Holzknecht erzählt wurde, andernorts im Lavanttal in deutlich abgewandelten Versionen kursierte.

Das Lösegeld des Gnomen – Ein Volksmärchen

Mitgeteilt von Otto Freiherrn von Hingenan, 1839/40

“In grauer Vorzeit war einmal, zwischen hohen Bergen ein großer und tiefer See, gelegen in jenem Lande, welches zu der alten Römer Zeiten Norikum genannt war. Die Berge aber waren, so wie jetzt auch schon anno dazumal, reich an Eisen. Darum auch hatten die Menschen aufgewühlt die Erde und waren eingedrungen in ihre Eingeweide, zu holen die Schätze, die darin ruhten. Doch dies ging nicht so leicht als in unseren Zeiten, denn dazumal hausten noch in den Tiefen der Erzgruben die Gnomen und Bergmännlein mit übermenschlicher, unbezwungener Macht. Und diese wehrten ihnen den Eingang in die Berge und lebten in beständigem Kampfe mit den mutigen Gebirgsbewohnern, die sich unterwerfen wollten die Schätze der unterirdischen Reiche.

Viele und viele Gruben gab es rund um den See, und auf den anliegenden Bergen wohnten nur Jäger und Bergleute. Da geschah es einmal, dass die Bergleute in einer der Gruben arbeiteten und von den Berggeistern überfallen wurden. Sie wollten aber nicht weichen und es entspann sich ein Kampf. Mit übernatürlichen Kräften gelang es den Gnomen, die mutigen Knappen zu vertreiben, doch nicht eher, als bis diese einen Gefangenen gemacht hatten. Umsonst war alles Widerstehen, die Grube blieb den Knappen verloren, aber der kleine Kobold in ihren Händen. Er wurde sicher verwahrt, und viele, viele Jahre lang hatten sie Ruhe vor den Geistern der Tiefe, die sich fürchteten, jene von Neuem zu bekriegen, in deren Gewahrsam Einer der Ihren als Geisel schmachtete. Doch dieser sehnte sich zurück nach den wunderbar verschlungenen Gängen und Klüften seines unterirdischen Vaterlandes und bat die Knappen gar oft, sich möchten ihn ziehen lassen; gerne wollte er sich lösen mit Erz und ihnen abtreten einen Teil seiner Reiche, denn er war ein gar gewaltiger Berggeist, ein Gnomenfürst.

Aber umsonst! Er lag gefangen wohl an die dreißig Jahre und darüber. Da kamen denn allgemach andere Knappen an die Stelle derer, die ihn fingen, und von Neuem fing der Kobold an, um seine Freiheit zu flehen, und versprach ihnen ein fruchtbar Land zu eigen, so groß wie der See, der an die Berge schlug, wo sie wohnten. Er schwor es ihnen zu und sie waren es zufrieden und entließen ihn im Vertrauen auf sein Wort.

Der Gnom säumte nicht lange, sein Versprechen zu erfüllen. Bald bemerkten die Knappen auf der Oberfläche des Sees verschiedene Wirbel, und die Wässer wurden weniger von Tag zu Tag, bis endlich der See sich verlaufen hatte in unterirdische Höhlen, wohin ihm die Gnomen den Ausweg geöffnet. Ein schönes Tal blieb zurück, von den alten Bergen umkränzt und von einem klaren Fluss durchströmt. Die Knappen aber nahmen Besitz von dem Tale und bauten es wohl, denn es war eines der fruchtbarsten im Lande. Später aber erhoben sich auf den Anhöhen umher Burgen, und Städte blühten empor in der Ebene, und am südlichen Ende des Tales entstand ein schönes und großes Stift, welches bis auf den heutigen Tag besteht und St. Paul genannt wird. Das Tal aber, welches der Berggeist auf diese Art seinen Befreiern geschenkt, ist das schöne Lavanttal in Kärnten.

• Diese Sage habe ich genau, wie sie hier erzählt ist, aus dem Munde eines Holzknechtes von der das Lavanttal gegen Steiermark begrenzenden Koralpe. Eine ganz andere Version der nämlichen Sage, die mir im Schlosse Wolfsberg und im Stifte St. Paul erzählt wurde, stimmt nur in dem Umstande mit dieser überein, dass das Tal einst ein See gewesen.”

Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde der ursprüngliche Text von 1840 schonend an die heutige Rechtschreibung angepasst.

Werner Thelian