Am Ursprung der Lavant

Seinen Namen hat das Tal vom Fluss Lavant, der es von Norden nach Süden durchzieht. Vorbei an alten Städten und reizvollen Märkten, an jahrhundertealten Kirchen, Burgen und Schlössern, an modernen Industrie- und Brückenbauwerken zieht das kalte, klare Wasser der Lavant seine rund 60 Kilometer lange Bahn durch das Tal.

Seinen Ursprung hat der Fluss im Grenzgebiet zwischen der Steiermark und Kärnten – genauer gesagt, am steirischen Zirbitzkogel, einem beliebten Ausflugsziel. Wer den rund 2.400 Meter hohen Berg erwandert und die überaus gesunde Gebirgsluft eingeatmet hat, kann sich nur schwer dem besonderen Reiz des kleinen, aber tiefen Sees entziehen, von dem aus die Lavant talwärts drängt. Angereichert mit dem Wasser einiger Seitenbäche überwindet sie zwischen den alten Märkten Obdach und Reichenfels die Landesgrenze. Sie schlängelt sich vorbei an der Stadt Bad St. Leonhard, passiert die natürliche Enge des Twimberger Grabens, durchfließt die Stadtgemeinden Wolfsberg und St. Andrä, um schließlich bei Lavamünd, nur wenige Kilometer vor der österreichisch-slowenischen Staatsgrenze, in den mächtigen Draustrom zu münden.

Woher der Name “Lavant” kommt, bleibt freilich ungewiss. Auch wenn die wahre Bedeutung des Flussnamens bis heute nicht völlig zufriedenstellend geklärt werden konnte, bleibt wenigstens die Gewissheit historischer Kontinuität. Als die Gräfin Richgard von Spanheim um die Mitte des 11. Jahrhunderts den Leichnam ihres Gatten Siegfried, der auf der Rückreise aus dem Heiligen Land ums Leben gekommen war, auf ihre Lavanttaler Stammburg bringen ließ, stiftete sie eine kleine Paulskapelle am Fluss “Lavand” und legte damit den Grundstein für das Benediktinerstift St. Paul.

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts versuchte der berühmte Arzt und Naturforscher Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493–1541), besser bekannt als Paracelsus, den Namen des Flusses vom lateinischen Verb “lavare” (d.h. waschen) herzuleiten. Paracelsus schreibt:

“Das Laventtal im Herzogtum Kärnten hat seinen Namen vom Waschen empfangen. Denn in demselben die Wasserflüss so goldreich gewesen sind, daß von allen fremden Nationen Künstler und Bergleut sich darein gefügt haben. Also ist die Stadt S. Leonhard gebauet, auch Wolfsperg von Bauleuten desselbigen Lands mit Wein und Getreid zugenommen und erbauet.”
(Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus)

Paracelsus’ Deutung, die keineswegs unwidersprochen blieb, bezog sich also auf die rege Goldwäschertätigkeit, die an den Ufern der Lavant und so manchem ihrer Nebenbäche eine jahrhundertealte Tradition hat. Die Bedeutung des Lavantwassers reichte aber zu allen Zeiten weit über seine intensive bergbauliche, landwirtschaftliche und industrielle Nutzung hinaus.

Die Sage vom Lavantsee

In den Mythen und Sagen ist das Wissen unserer Vorfahren verborgen. Die Spuren von so manchem historischen Ereignis lassen sich in ihnen finden. Das trifft auch auf die Sage vom Lavantsee zu, die schon lange von Generation zu Generation weitergetragen wurde, ehe auch Forscher unserer Tage den “wahren Kern” der Geschichte erkannten.

Vor langer, langer Zeit – so erzählen die Alten – bedeckte ein tiefer, dunkler See große Teile des Lavanttals. Die wenigen Menschen, die an seinen Ufern lebten, fürchteten sich vor dem Wasser, das immer wieder ihre Wiesen und Felder überschwemmte, die ohnehin spärliche Ernte zerstörte und die Bevölkerung zwang, auf den kalten, unwirtlichen Almen Zuflucht zu suchen. Sie fürchteten aber auch das äußerst geschäftige Zwergenvolk, das tief im Inneren der Lavanttaler Berge lebte und dort seit Menschengedenken einem rätselhaften Treiben nachging. Weil immer wieder behauptet wurde, das geheimnisvolle Zwergenvolk besitze unermessliche Reichtümer, erwachte in einigen Menschen die Gier nach jenen sagenumwobenen Gold- und Edelsteinschätzen, die in Wirklichkeit noch keiner gesehen hatte. Trotzdem beschloss man, einen der Zwerge gefangen zu nehmen, um sich von ihm den Weg zu den erhofften Reichtümern weisen zu lassen. Es dauerte nicht lange, und der Plan wurde in die Tat umgesetzt.

Der gefangene Zwerg schwor vergebens, dass er weder Schätze besitze noch je von ihnen gehört habe. Man steckte ihn in ein dunkles Verlies, wo er über 30 Jahre lang gefangen gehalten wurde. Als der kleine Mann aber auch nach dieser langen Zeit noch immer versicherte, keine Schätze zu kennen, erbarmte man sich seiner endlich und ließ ihn wieder frei. Zum Dank versprach der Zwerg, sich bald auf andere Weise erkenntlich zu zeigen. Er hielt sein Wort.

Schon bei Anbruch des nächsten Tages war ein dumpfes Grollen aus dem Bergesinneren zu hören. Die herbeieilenden Menschen, die das Schlimmste befürchteten, bemerkten zu ihrem großen Erstaunen, dass sich der Wasserspiegel des Sees allmählich zu senken begann. Schon nach wenigen Tagen war alles Wasser abgeflossen und ein breites, tiefes Tal wurde sichtbar, in dem es bald darauf zu grünen begann. Auf einmal verfügten die Bauern über herrliche Wiesen und Ackerflächen, zogen von den rauhen Almen ins Tal und konnten fortan von den Früchten des Bodens leben, die sie nun endlich als die wahren Schätze dieses Landes erkannten. Von den Zwergen aber hat man seither nichts mehr gesehen oder gehört.

Den gewaltigen Talsee, von dem die Sage erzählt, hat es tatsächlich gegeben. In der Endphase der letzten Eiszeit zog sich der mächtige Draugletscher, der vor rund 22.000 Jahren noch bis kurz vor Griffen reichte, wieder zurück. Gewaltige Schottermassen sammelten sich im südlichen Drautal und verursachten bei Lavamünd einen Aufstau der Lavant. In weiterer Folge bildete sich ein urzeitlicher See, der große Teile des südlichen und mittleren Tales bedeckte.

Als der Lavantsee im Zuge der weiteren geologischen Vorgänge wieder abfloss, hinterließ er eine zunächst sumpfige Tallandschaft, die aber schon bald zum Urgrund des fruchtbaren Lavanttaler Bodens wurde. Die letzte größere geologische Ausgestaltung des Tales war damit abgeschlossen.

Wo früher Goldwäscher ihre harte Arbeit verrichteten und die abergläubische Bevölkerung die ständige Gegenwart guter und böser Fluss- und Berggeister zu spüren glaubte, gibt es heute einmalige Natur- und Kulturlandschaften zu bestaunen. Sie laden zu interessanten Entdeckungsreisen ein, bieten aber auch Erholung und Entspannung. Dass man sich im schönen Lavanttal an allen Ecken und Enden wohl fühlen kann, braucht erst gar nicht betont zu werden. Im “Paradies Kärntens” lebt sich’s eben gut. Ob in der Stadtgemeinde Bad St. Leonhard, der Marktgemeinde Reichenfels oder in einer der anderen Gemeinden – die vielgestaltige Schönheit des Tales offenbart sich überall.

Werner Thelian